Sprachenrat Saar / Conseil linguistique de la Sarre / Language Council of Saarland
ein Zusammenschluss von Institutionen aus Kultur, Politik und Wirtschaft des Saarlandes

Paris, 23. Mai 2026
Vom 20. bis 22. Mai 2026 feierte das Observatoire européen du plurilinguisme (OEP) an der Université Paris-8 sein 20-jähriges Bestehen mit den 7es Assises européennes du plurilinguisme (7. Europäische Tagung zur Mehrsprachigkeit). Passend zum Tagungsthema „Plurilinguisme et circulation des savoirs, des idées et des imaginaires“ brachte der Sprachenrat Saar, vertreten durch seinen Vorsitzenden Prof. Dr. Thomas Tinnefeld, die Perspektive der Großregion in den europäischen Diskurs ein. Im Zentrum stand dabei die strategische Neuausrichtung der saarländischen Sprachenpolitik.
In mehr als 70 Vorträgen bot die dreitägige Tagung ein Forum für den Austausch zwischen Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft. Das Spektrum der Teilnehmer reichte weit über Europa hinaus: Expertinnen und Experten aus zahlreichen Ländern (darunter Frankreich, Deutschland, der Schweiz, Belgien, Italien, Spanien, Griechenland und Luxemburg) traten in den direkten Dialog mit Vertretern aus Kanada und einer Vielzahl afrikanischer Staaten. Hybride Formate ermöglichten zudem die Einbindung digitaler Perspektiven aus Asien und dem Nahen Osten, unter anderem durch Live-Zuschaltungen aus Vietnam und dem Libanon.
Das politische und akademische Gewicht der Veranstaltung spiegelte sich bereits in der Eröffnungszeremonie am ersten Tagungstag wider. Dort sprachen zur Einführung:
Hanane Boutenbat, Vizepräsidentin (CFVU) und Direktorin des Sprachenzentrums der Université Paris-8,
Paul de Sinéty, Délégué général à la langue française et aux langues de France im französischen Kulturministerium,
Jean-Claude Beacco, (Université Sorbonne Nouvelle), Berater des Europarats,
Cynthia Eid, Präsidentin der Fédération Internationale des Professeurs de Français (FIPF).
Ergänzt wurde der Auftakt der Tagung durch Grußworte zahlreicher Partnerorganisationen des OEP, darunter UPLEGESS, APLV, Le Monde diplomatique, I-Dialogos und das Forschungsnetzwerk POCLANDE. Die Université Paris-8 bot dafür den passenden Rahmen: Gegründet im Zuge der 68er-Bewegung als offene Reformuniversität, steht die Institution traditionell für den Abbau intellektueller und gesellschaftlicher Grenzen.
Im Rahmen des Panels für mehrsprachige Sprachpolitiken, das einen inhaltlichen Schwerpunkt aus Sicht der Großregion Saar-Lor-Lux darstellte referierte Prof. Dr. Thomas Tinnefeld zum Thema: „Plurilinguisme et circulation des savoirs en contexte transfrontalier : Dynamiques et vulnérabilités de la Stratégie France de la Sarre“
Im internationalen Kontext gilt die ursprüngliche saarländische Frankreichstrategie als vielbeachtetes Modellprojekt für den Aufbau einer grenzüberschreitenden Identität. Thomas Tinnefeld analysierte in seinem Vortrag neben den bisherigen Fortschritten auch einige strukturellen Hürden der anfänglichen Ausrichtung: In der Praxis zeigt sich bisweilen eine Diskrepanz zwischen der hohen kulturellen Akzeptanz und der tatsächlichen Entwicklung individueller Sprachkompetenzen – ein Umstand, der im Alltag zu sprachlicher Unsicherheit führen kann.
Genau an diesem Punkt setzt die weiterentwickelte „Frankreichstrategie+“ an, die anstelle einer reinen Zweisprachigkeit einen multilingualen Ansatz verfolgt. Dem Fachpublikum wurden drei zentrale Säulen dieser Neuausrichtung vorgestellt:
1 Funktionale Mehrsprachigkeit:
Die Ausweitung der Sprachförderung hin auf einen funktionalen Plurilingualismus. Dieser integriert neben Französisch als Nachbarsprache ausdrücklich auch das Englische als erste Weltsprache sowie weitere situativ Sprachen, um Kommunikationsbarrieren flexibel abzubauen.
2 Interkulturelle Befähigung:
Der Aufbau interkultureller Kompetenzen als Voraussetzung für gesellschaftliche Kohäsion, der weit über die reine Sprachvermittlung hinausgeht.
3 Vernetzung:
Die Prämisse, dass zirkulierende Mehrsprachigkeit eine infrastrukturelle Verzahnung erfordert, insbesondere durch belastbare grenzüberschreitende Mobilitätskonzepte.
Kernaussage: Ein territoriales Modell der Mehrsprachigkeit verlangt einen ganzheitlichen Ansatz, der Bildung, Soziales und Infrastruktur strukturell miteinander verbindet.
Die Tagung wurde zudem durch eine programmatische Ansprache von Prof. Dr. Arnaud Laimé, dem Präsidenten der Université Paris-8, kontextualisiert. Er betonte das tief verwurzelte, strukturelle Engagement der Universität für die Bewahrung und Förderung der sprachlichen und kulturellen Vielfalt im globalen akademischen Raum.
Über die regionale Ebene hinaus widmete sich die Tagung weiteren gesellschaftspolitischen Herausforderungen. Ein zentraler Aspekt des Diskurses war die Funktion sprachlicher Vielfalt als Grundvoraussetzung für demokratische Prozesse, unabhängigen Journalismus und gesellschaftliche Teilhabe.
Ebenso kritisch wurde der Einfluss von Künstlicher Intelligenz (KI) auf den Hochschulbereich erörtert. Es bestand Konsens darüber, dass ein pädagogisch begleiteter Umgang mit KI-Technologien zwingend notwendig ist, um einer sprachlichen Verarmung vorzubeugen und stattdessen plurilinguale Kompetenzen gezielt zu fördern.
Die Tagung war eingebettet in die Feierlichkeiten zum 20-jährigen Bestehen des OEP. Ein besonderer gemeinschaftlicher Moment war eine abendliche Dinner-Bootsfahrt auf der Seine, bei der mehrsprachige musikalische Darbietungen den Kern des Plurilingualismus symbolisch unterstrichen.
Die Abschlussveranstaltung verdeutlichte schließlich die globale Dimension der behandelten Sprachpolitik. Sie wurde maßgeblich durch die persönliche Teilnahme von Prof. Dr. Slim Khalbous, dem Rektor der Agence Universitaire de la Francophonie (AUF), maßgeblich. Seine Anwesenheit Rektors setzte ein starkes hochschulpolitisches Signal: Sie unterstrich, dass das Eintreten für Mehrsprachigkeit keine regionale Nische ist, sondern ein Kernbestandteil globaler Bildungsstrategien. Vervollständigt wurde das Panel durch Prof. Dr. Pierre-Johan Laffitte (Université Paris-8) und den Präsidenten des OEP, Dr. Christian Tremblay.
Die in Paris gewonnenen Erkenntnisse bestätigen den eingeschlagenen Weg des Sprachenrats Saar: Die Etablierung eines gelebten Plurilingualismus erfordert einen Paradigmenwechsel – weg von starren bilateralen Modellen, hin zu einer dynamischen, funktionalen Mehrsprachigkeit.
Für das Saarland bedeutet dies eine konsequente Weiterentwicklung der bisherigen Ansätze. Die „Frankreichstrategie+“ bildet hierfür das Fundament, indem sie den Fokus von einer rein sprachlichen Ausbildung auf einen ganzheitlicheren, interkulturellen und infrastrukturell vernetzten Ansatz verschiebt. Damit leistet die Region einen wesentlichen Beitrag zur „Zirkulation des Wissens“ und festigt ihre Rolle als europäisches Modell für grenzüberschreitende Identität und gelebte Mehrsprachigkeit.
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