ECSPM-GEO-Forum in Straßburg untersucht die Zukunft des wissenschaftlichen Übersetzens

Straßburg, 5. Juni 2026

Am 4. Juni 2026 fand an der Universität Straßburg das ECSPM-GEO-Forum unter dem Leitthema „Languages and the Cultural Politics & Policies for Scholarly Translation“ (Sprachen und die Kulturpolitik des wissenschaftlichen Übersetzens) statt.

Die vom Groupe d’études orientales, slaves et néo-helléniques (GEO) ausgerichtete und mitorganisierte Veranstaltung schloss direkt an das 10. ECSPM-Symposium zum Thema „Internationalisation in Higher Education, Multilingualism and Translation“ an. Dieses grundlegende Symposium, das im März 2026 in Saarbrücken stattfand, wurde gemeinsam vom Sprachenrat Saar und der htw saar veranstaltet und mitorganisiert sowie durch die Saarländische Staatskanzlei und die Landeshauptstadt Saarbrücken gefördert und unterstützt.

Auf dieser Grundlage aufbauend, widmete sich das Straßburger Forum den anhaltenden Herausforderungen bei der Vermittlung von Wissen, Ideen und Perspektiven über unterschiedliche Kulturen und Kontexte hinweg. Im Zentrum der Diskussionen stand die Notwendigkeit, wissenschaftliche Konstrukte und Forschungsmethoden präzise zu übersetzen, um den grenzüberschreitenden Austausch von Forschungsergebnissen zu ermöglichen.

Einführung und Sprachenpolitik

Das Forum begann mit einer Einführung in die Arbeit von GEO und der European Civil Society Platform for Multilingualism (ECSPM), präsentiert von Irini Tsamadou-Jacoberger, Professorin an der Universität Straßburg, und der ECSPM-Präsidentin, Frau Professor Bessie Dendrinos.

Die Vorträge am Vormittag befassten sich kritisch mit der praktischen Umsetzung von Sprachenpolitik. Dr. Joseph Lo Bianco, Honorarprofessor an der Universität Melbourne, referierte online zum Thema „Translation: Obscured Site of Language Policy Implementation“. Sein Vortrag wurde von Frau Professor Andrea Young von der Universität Straßburg koordiniert.

Daraufhin präsentierte Dr. Péter Szabó, Konferenzdolmetscher beim Europäischen Parlament und Postdoktorand an der Universität Tilburg, unter dem Titel „The language policy arrangements and practice of language hierarchies in the EU institutions“ eine höchst informative Analyse praktischer Dolmetschtätigkeit auf höchstem politischen Niveau. Professor Thomas Tinnefeld vertrat als Moderator von Dr. Szabós Vortrag den Sprachenrat Saar in offizieller Mission und leitete den wissenschaftlichen Diskurs über institutionelle Mehrsprachigkeit.

 

Generative KI und „Translalia“

Ein wesentlicher Schwerpunkt am Nachmittag lag auf der Schnittstelle zwischen neuen Technologien und Übersetzungspraktiken. Professor Matthew Reynolds von der Universität Oxford präsentierte den Beitrag „TRANSLALIA: A Possible Future for Translation with GenAI“, zu dem Jan Engberg, Professor an der Universität Aarhus, als Online-Diskutant fungierte.

Der Beitrag von Professor Reynolds bot eine Alternative zum gängigen Ansatz der Technologiebranche, in der KI vor allem zur Einebnung sprachlicher Vielfalt eingesetzt wird. Das Konzept Translalia nutzt stattdessen große Sprachmodelle (LLMs) dazu, sprachliche Varietät sichtbar zu machen und zu bewahren, indem:

  • KI-Werkzeuge gezielt dazu angeleitet werden, Texte in lokalen Jargon, regionale Redewendungen und Non-Standard-Varietäten zu übersetzen – gleichsam als Instrument des Widerstands gegen die Dominanz von Standard- und Hauptsprachen.
  • Auf eine einzige, vermeintlich definitive Übersetzung verzichtet wird, um stattdessen mehrere alternative sprachliche Möglichkeiten aufzuzeigen und Übersetzungsentscheidungen sichtbar zu machen.

  • Texte über unterschiedliche begriffliche Domänen hinweg übertragen werden, beispielsweise durch die experimentelle Überführung von Lyrik in die Sprache der Ingenieurwissenschaften oder der Technik.

Machtdynamiken und die Herausforderungen wissenschaftlichen Übersetzens

Im Anschluss daran standen strukturelle Dynamiken von Sprache im MIttelpunkt. Frau Dr. Effie Fragkou, außerordentliche Professorin an der Ionischen Universität, referierte zum Thema „Power relationships between languages in translation“. Als Diskutant für diesen Abschnitt fungierte Dr. Aleksandar Trklja, außerordentlicher Professor an der Universität Innsbruck.

Das Forum schloss mit einer umfassenden Podiumsdiskussion zu den Herausforderungen bei der Übersetzung akademischer und wissenschaftlicher Diskurse („The challenges of translating academic / scientific discourse“). Unter der Leitung von Frau Professor Irini Tsamadou-Jacoberger kamen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unteschiedlicher Disziplinen zusammen: Dr. Ragip Ege, emeritierter Professor der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften, sprach über die Übersetzung der Vorrede zu Hegels Phänomenologie des Geistes. Frau Dr. Agnès Lenepveu-Hotz, außerordentliche Professorin am Seminar für Iranistik, beleuchtete die Komplexität der Übersetzung linguistischer Terminologie zwischen dem Französischen, Englischen und Neupersischen.

Ergänzt wurde die Runde durch Beiträge von Dr. Frédéric Abécassis, außerordentlicher Professor für Zeitgeschichte (ENS Lyon und Universität Straßburg), sowie von außerordentlichen Professorinnen der sprachwissenschaftlichen Abteilungen der Universität Straßburg Dr. Marie Bizais-Lillig (Sinologie), Dr. Farah Ramzy (Arabistik) und Dr. Dilek Sarmis (Turkologie).

Einvernehmlich wurde festgestellt, dass generative KI zwar das Medium und das Tempo des Übersetzens verändert, dass eine tiefgehende Verständigung und der Transfer wissenschaftlichen Wissens jedoch weiterhin ein ausgeprägtes Kontextbewusstsein und menschliches Urteilsvermögen voraussetzen.

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