Herkunftssprachen als Ressource
Frau Prof. Dr. Antonella Sorace zum Europäischen Tag der Sprachen
Saarbrücken, 26. September 2026
Anlässlich des Europäischen Tags der Sprachen veranstalteten der Sprachenrat Saar und ICC – The International Language Association am 25. September 2026 ein gemeinsames Webinar mit Frau Prof. Dr. Antonella Sorace von der University of Edinburgh. Ihr Vortrag trug den Titel Heritage Languages as Resources and Opportunities for Active Multilingual Societies. 242 Personen hatten sich angemeldet; zeitweise waren 97 Teilnehmer online.
Prof. Dr. Thomas Tinnefeld, Vorsitzender des Sprachenrats Saar, und Helen Bullock, Co-Vorsitzende des ICC, moderierten die Veranstaltung. Die Teilnehmer schalteten sich aus zahlreichen Ländern zu.
Wenn eine Sprache nicht weitergegeben wird
Frau Sorace zeigte, dass Herkunftssprachen sowohl Sprachen von Migrationsgemeinschaften als auch regionale Minderheitensprachen umfassen. Ein persönliches Beispiel machte deutlich, wie leicht die Weitergabe innerhalb einer Familie abbrechen kann: Ihre Mutter sprach Sardisch, verwendete die Sprache jedoch nicht mit ihr, weil sie Italienisch und Englisch für wichtiger hielt. Frau Sorace versteht Sardisch, spricht es aber nicht und konnte es deshalb auch nicht an ihre Kinder weitergeben.
Mehrsprachigkeit braucht Gelegenheit und Wertschätzung
Der Vortrag griff verbreitete Vorstellungen über mehrsprachiges Aufwachsen auf. Dass kleine Kinder Sprachen mischen, sei kein Beleg für Verwirrung: Frau Sorace erläuterte anhand von Forschungsbeispielen, dass bereits sehr kleine Kinder sprachliche Unterschiede wahrnehmen und dass Sprachmischungen durchaus Regeln folgen können. Auch das Bild eines „perfekt“ zweisprachigen Menschen stellte sie infrage.
Für den Erhalt einer Herkunftssprache seien regelmäßige, anregende Begegnungen mit dieser wichtig. Dazu gehören Gespräche mit verschiedenen Menschen, eine positive Haltung im Umfeld und Möglichkeiten, in der jeweiligen Sprache zu lesen. Frau Sorace verwies darauf, dass das Lesenlernen in einer Herkunftssprache auch das Lesenlernen in der Schulsprache unterstützen kann, selbst wenn in diesen Sprachen unterschiedliche Schriftsysteme verwendet werden.
Eine gemeinsame Verantwortung
In der von Thomas Tinnefeld und Helen Bullock moderierten Fragerunde ging es unter anderem darum, ob die Pflege von Herkunftssprachen allein die Aufgabe der Familien bleiben müsse. Frau Sorace sprach sich ausdrücklich für eine geteilte Verantwortung aus: Familien, Lehrkräfte, Bildungseinrichtungen und weitere gesellschaftliche Akteure sollten miteinander im Gespräch sein und Entscheidungen auf der Grundlage verlässlicher Informationen treffen.
Auch der Einsatz künstlicher Intelligenz kam zur Sprache. Frau Sorace sah darin durchaus Chancen, Sprachen zu unterstützen, betonte aber, dass die Technik den Austausch zwischen Menschen nicht ersetzen kann.
Zum Abschluss dankten die Veranstalter Antonella Sorace und den Teilnehmern und Teilnehmerinnen für den Austausch über Ländergrenzen hinweg. Das Webinar hat eindrucksvoll gezeigt, dass Herkunftssprachen eine wertvolle Ressource sind, die es zu fördern gilt.
Materialien zum Webinar
Die Aufzeichnung sowie die begleitende Präsentation zum Nachlesen finden Sie hier: