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Ein zentrales Anliegen des Sprachenrates ist das Konzept der „gelebten Mehrsprachigkeit“. Anknüpfend an die Forderung des Europäischen Rates - „Muttersprache plus zwei Fremdsprachen“ - ist der Sprachenrat der Auffassung, dass eine stufenweise zu realisierende „gelebte Mehrsprachigkeit“ mit Französischkenntnissen auf durchaus unterschiedlichen Kompetenz - und Anforderungsniveaus bei möglichst vielen Saarländerinnen und Saarländern plus Englisch als universaler Verkehrssprache („lingua franca“) nicht nur aus naheliegenden wirtschaftlichen und demographischen Gründen geboten ist, sondern mit der Realisierung dieses Konzeptes die Stellung des Saarlandes in seiner Brückenfunktion nach Frankreich und in seiner Rolle als europäische Kernregion erheblich gestärkt würde (Zeitrahmen 30 Jahre).

Der Sprachenrat begrüßt deshalb das vorliegende Sprachenkonzept der Landesregierung ausdrücklich, erachtet es jedoch in seiner fast ausschließlichen Beschränkung auf die Bereiche Vorschule und Schule für einen notwendigen, jedoch nicht hinreichenden Schritt zu einer wirklich „gelebten Mehrsprachigkeit“. Um das Sprachenkonzept auf dieses Ziel hin weiterzuentwickeln hat der Sprachenrat in den beiden letzten Jahren in verschiedenen Foren (Expertengespräche mit Vertretern aus Wissenschaft und Politik, „Runder Tisch“ mit Entscheidungsträgern aus Wirtschaft und Verbänden) erste Anregungen und Meinungsbilder sammeln können.

Vor diesem kurz skizzierten Hintergrund erlauben wir uns, den politischen Akteuren und Gestaltern im Saarland folgende Fragen zu unterbreiten:



1. Wird das vorliegende Sprachenkonzept der bisherigen Landesregierung in Ihrer Regierungsverantwortung Grundlage der Sprachenpolitik für Vorschule und Schule bleiben? Wo sehen Sie gegebenenfalls Modifikationen oder Erweiterungen?

a) Bündnis 90 die Grünen:


Das Sprachenkonzept wurde unter unserer grünen bildungspolitischen Verantwortung erarbeitet und umgesetzt. Deshalb werden wir es in jedem Fall als Grundlage des schulischen Sprachunterrichts erhalten und konsequent umsetzen. Unser Ziel ist es, den Sprachenunterricht in den Schulen noch nachhaltiger, effizienter und anwendungsorientierter zu gestalten. Ein zentrales Augenmerk richtet sich dabei sowohl auf die Deutschförderung als auch auf die Stärkung des Französischen als Sprache des Nachbarn und ebenso auf die Stärkung des Englischen als internationale Verkehrs- und Wirtschaftssprache.

Der Fremdsprachenunterricht orientiert sich am Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen (GER), der vom Europarat entwickelt wurde. Sowohl im Französischen als auch im Englischen wird das Sprachenlernen durch den Erwerb von Sprachenzertifikaten gefördert. Auch die Herkunftssprachen von Kindern aus Migrantenfamilien müssen stärker in den schulischen Bildungsgang einbezogen werden. Dazu wollen wir den Erwerb von Sprachenzertifikaten im muttersprachlichen Unterricht ermöglichen und stärker fördern.


b) FDP


Die FDP-Saar steht hinter dem Sprachenkonzept der ehemaligen Landesregierung, was den nahtlosen Übergang bei dem Erlernen der französischen Sprache vom Kindergarten über, die Grundschule bis hin zur Weiterführenden Schule betrifft. Allerdings sollte aus Sicht der FDP-Saar der Elternwille gestärkt werden, in dem auch Englisch zur Wahl steht. Die FDP-Saar steht dem zweistündigen Sprachkurs in der 5. Klasse skeptisch gegenüber, daher würden wir die Ergebnisse dieses Sprachunterrichts gerne evaluieren, um seine Sinnhaftigkeit zu überprüfen.


c) Piratenpartei

Ein sogenannter „runder Tisch“ besitzt irgendwie den Status einer Alibifunktion nach dem Motto „Wir können ja darüber reden, aber entschieden wird wo anders, wenn überhaupt“. Die Piratenpartei Saarland würde dahingehend eine Enquete- Kommission bevorzugen, die auch stetig an Konzepten arbeitet und selbige kontinuierlich weiter entwickelt. Auf Grundlage des bisher gelebten Konzeptes kann man dann notwendige Modifikationen vornehmen, der dann allerdings längerfristige Ergebnisse vorliegen. Die Piratenpartei Saarland würde sich über eine Einbindung freuen, auch ohne Regierungsverantwortung. Wir besitzen zugegebenermaßen (noch) nicht die erforderlichen Einblicke in diese Thematik, um kompetent mitreden zu dürfen. Wir sind aber sehr lernfähig und aufgeschlossen für Innovationen.

d) Die Linke

Im Hinblick auf die Perspektiven, die sich in unserem Großraum bieten, begrüßen wir Initiativen zur Förderung der Fremdsprachenkenntnisse der Saarländerinnen und Saarländer. Das Sprachenkonzept Saarland 2011 ist ein Schritt in die richtige Richtung, da es die Wichtigkeit des Erlernens von Fremdsprachen und den hohen Nutzwert der französischen Sprache in unserem Bundesland hervorhebt. Das Konzept richtet seinen Fokus allerdings auf den Bereich der vorschulischen und schulischen Bildung. Hierbei wird ausgeblendet, dass sich weitere Perspektiven beispielsweise im Bereich der Hochschulen sowie der beruflichen, politischen und kulturellen Weiterbildung bieten.

Was die (vor)schulische Bildung und damit das vorgelegte Sprachenkonzept anbelangt, ist der qualitative und quantitative Ausbau des Französischunterrichts in Kindergärten und Grundschulen anzustreben. Ziel der LINKEN ist es, in den Krippen und Kindergärten flächendeckend Französisch kindgerecht zu erleben und die zweisprachige Erziehung flächendeckend ab Klassenstufe 1 (bislang flächendeckend erst in den Klassenstufen 3 und 4 in den Grundschulen durchgängig fortzusetzen.
Eine Grundschullehrer-Ausbildung im Saarland mit einem Schwerpunkt Französisch-Unterricht ist eine weitere Möglichkeit einer aktiven Sprachenpolitik. Auch der vermehrte Einsatz von MuttersprachlerInnen in der (vor)schulischen Bildung könnte das Interesse an der Kultur unseres Nachbarlandes und das Image der französischen Sprache steigern helfen. Ebenso Austauschprogramme und Projekte wie beispielsweise das „France-Mobil“ sind wichtig, um Kindern und Jugendlichen Spaß an der Sprache zu vermitteln und ihnen das Nachbarland Frankreich näher zu bringen.
Weiterhin sollte das Angebot an bilingualen Zügen und Klassen ausgebaut werden, da die Fremdsprachenkenntnisse bei bilingual unterrichteten Schülerinnen und Schülern höher sind als das Niveau im lehrgangsbasierten Fremdsprachenunterricht.

Durch die Einführung der Schuldenbremse werden die öffentlichen Haushalte allerdings weiter ausgeblutet und Ländern und Kommunen die nötigen Spielräume auch für eine gute Finanzierung der Förderung von Mehrsprachigkeit genommen. Nach unserer Ansicht kann jedoch nur die Einführung der Millionärssteuer, die eine Ländersteuer ist, die finanziellen Probleme des Saarlandes lösen, um notwendige Investitionen in den Ausbau der sprachlichen Kompetenzen der Saarländerinnen und Saarländer zu finanzieren. Ebenso treten wir dafür ein, die öffentlichen Haushalte durch die Einführung einer Finanztransaktionssteuer zu entlasten.


e) CDU


Das vorliegende Sprachenkonzept der bisherigen Landesregierung wird auch für die kommende Legislaturperiode in seinen wesentlichen Teilen Grundlage der Bildungspolitik für Kindergarten und Schule bleiben. Konkret umgesetzt wurde es schon in der Konzeption der neuen Gemeinschaftsschule.

Unsere Aufmerksamkeit muss aber neben der Mehrsprachigkeit auch dem Erwerb der deutschen Sprache gelten. In den letzten Jahren haben hier die Sprachdefizite bei Kindern so gravierend zugenommen, dass unter der CDU-Regierung das Programm „Früh Deutsch lernen“ aufgelegt wurde. Das intensive Sprachtraining, beginnend im Kindergarten bis in die erste Grundschulklasse, wurde flächendeckend ausgeweitet. Erst damit wird für viele Kinder – insbesondere für diejenigen mit Migrationhintergrund – eine sichere Grundlage für eine erfolgreiche Grundschulzeit gelegt.

Für uns bleibt aber auch weiterhin die Möglichkeit einer altsprachlichen Ausbildung ein wichtiger Baustein gymnasialer Ausbildung.



2. Halten Sie das Konzept der „gelebten Mehrsprachigkeit“ für politisch wünschenswert und realisierbar?

a) Bündnis 90/ die Grünen:


Unsere Vision ist die gelebte Mehrsprachigkeit im Saarland, wobei der Sprache des Nachbarn, dem Französischen, eine besondere Bedeutung zukommt. Dieser wünschenswerte Zustand ist jedoch nicht im Eilverfahren zu erreichen und kann auch nicht verordnet werden, man kann ihn jedoch durch günstige Rahmenbedingungen fördern und das schrittweise Zustandekommen erleichtern.

Was die Realisierbarkeit einer alltäglichen Sprachenkompetenz betrifft, so wollen wir erreichen, dass alle Schülerinnen und Schüler am Ende ihrer Schulzeit wirklich in der Lage sind, in beiden Sprachen zu kommunizieren. Auch die Schülerinnen und Schüler im Hauptschulbildungsgang, die bisher meist nur eine Fremdsprache lernen. In der Gemeinschaftsschule werden zwei Sprachen, Französisch und Englisch, schon ab der 5. Klasse unterrichtet.

Momentan bietet fast jede dritte Kindertageseinrichtung eine zweisprachige Erziehung auf Deutsch und Französisch an. Um dem Ziel der Zweisprachigkeit näher zu kommen, ist es unser Ziel, dass langfristig alle Kindertageseinrichtungen eine zweisprachige Erziehung anbieten.


b) FDP:

Die FDP-Saar ist der Auffassung, dass Sprache das Tor zu beruflichem Erfolg darstellt. Aus Sicht der Liberalen ist demnach eine „gelebte Mehrsprachlichkeit“ nicht nur politisch wünschenswert, sondern auch erstrebenswert. Deshalb sollten wir im Kindergarten beginnen und nahtlos bis zum Ende der schulischen Laufbahn diese Mehrsprachlichkeit fördern.

c) Piratenpartei:

Es ist unbestritten, dass Mehrsprachigkeit eindeutige Vorteile in jeder Lebenslage schafft. Die Globalisierung erfordert dies geradezu. Das Saarland in seiner Rolle als Grenzgebiet zu Frankreich und Luxemburg sollte hierbei Innovationsführer sein. Viele Unternehmen legen großen Wert auf Mehrsprachigkeit, denn z.B. in Video- und Telefonkonferenzen ist diese Mehrsprachigkeit unumgänglich geworden.

d) CDU

Wir stehen für das Konzept der „gelebten Mehrsprachigkeit“ und halten es im Zuge der zunehmenden Globalisierung für unverzichtbar.

Unter der CDU-Alleinregierung wurde seit 1999 das Konzept der frühen Mehrsprachigkeit durch den Französischunterricht im Kindergarten deutlich ausgeweitet und in der Grundschule entsprechend fortgesetzt. Durch den von der CDU initiierten Einsatz von französischen Muttersprachlerinnen an über 140 Kindergärten konnte insbesondere die Qualität des frühkindlichen Sprachenerwerbs deutlich gesteigert werden.



3. Würden Sie als politisch Verantwortliche Initiativen ergreifen, um die Realisierung einer wissenschaftlichen Machbarkeitsstudie „gelebte Mehrsprachigkeit“ zu befördern und zu unterstützen?

a) Bündnis 90/ die Grünen:

Wir werden in jedweder Verantwortung die Realisierung einer Machbarkeitsstudie unterstützen. Uns ist es wichtig durch eine Studie u.a. den Mehrwert der Französisch-Kenntnisse für die saarländische Bevölkerung in ökonomischer und persönlicher Hinsicht herauszustellen. Auch unter dem Gesichtspunkt eines Alleinstellungsmerkmales sollte das Saarland eine Machbarkeitsstudie anstreben. Zu prüfen ist die Finanzierung einer solchen Studie unter Landesbeteiligung, der Heranziehung von EU-Mitteln und einer Beteiligung der saarländischen Wirtschaft.

b) FDP:

Die FDP-Saar unterstützt diese Forderung. Gerade im Bereich Bildung sollte man Veränderungen behutsam durchführen. Eine Machbarkeitsstudie ist daher aus liberaler Sicht anzustreben.

c) Piratenpartei

Unbedingt. Unter Einbindung von Experten sollte eine solche Studie umgesetzt werden, wenngleich das Ergebnis nur noch als Bestätigung für „gelebte Mehrsprachigkeit“ dienen wird.

d) Die Linke

DIE LINKE erachtet das Konzept der „gelebten Mehrsprachigkeit“ als absolut wünschenswert und würde daher auch eine entsprechende wissenschaftliche Machbarkeitsstudie unterstützen.

e) CDU

Die Realisierung einer wissenschaftlichen Machbarkeitsstudie „gelebte Mehrsprachigkeit“ sollte geprüft werden. Zentrales Augenmerk soll insbesondere aber auf die Evaluation der unterschiedlichen Sprachförderkonzepte gelegt werden.